Tag 57 - 63: Von Te Anau nach Invercargill (153 km)

Von diesem letzten Abschnitt des Weges haben wir eigentlich nicht viel erwartet, waren dann aber von der Schönheit der beiden großen Wälder, die wir noch zu durchqueren hatten, doch positiv überrascht, auch wenn es ziemlich nass und matschig zuging. Außerdem haben wir wieder eine andere Seite von Neuseeland kennen gelernt: In Southland ist alles etwas einfacher und die Leute haben offenbar durchschnittlich weniger Geld als im Rest des Landes. 

Bevor es auf die allerletzte Etappe geht, hier unser Bericht zu den letzten Wandertagen:

Tag 57: Te Anau bis Lower Princhester Hut, 6 km

Morgens haben wir es in Te Anau ganz entspannt angehen lassen. Wir wollten bis zur zweiten Hütte im Takitimu Forest kommen und dafür geben die Trail Notes eine Gehzeit von etwa sieben Stunden an. Wir sind also noch einen Kaffee trinken gegangen, waren in der Bibliothek und haben für die nächsten Tage eingekauft. Gegen Mittag haben wir dann versucht, zurück zum Trail zu trampen und haben eigentlich damit gerechnet, auf der relativ viel befahrenen Straße schnell mitgenommen zu werden. Das war allerdings leider ein Trugschluss. Vielleicht lag es an der Tageszeit, vielleicht an unserer Optik ... wir wissen es nicht. Wir mussten eineinhalb Stunden warten, bis uns endlich ein junger Kanadier aufgesammelt hat. Dabei waren wir ausnahmsweise sogar frisch geduscht. So waren wir erst am späten Nachmittag an der ersten Hütte, der Princhester Hut. Und was sahen wir da? Auf dem Wanderschild waren nicht fünf bis sechs, sondern acht Stunden bis zur nächsten Hütte angegeben. Normalerweise glauben wir ja an unsere Fähigkeiten und wären davon ausgegangen, es in der kürzeren Zeit aus den Trail Notes zu schaffen, aber im Hüttenbuch hatten andere schon vermerkt, dass eher acht Stunden realistisch seien, und dann kam auch noch ein französisches Pärchen aus der anderen Richtung daher, das das ebenfalls bestätigt hat. Wir wussten auch, dass der Takitimu Forest nicht einfach zu gehen ist, wollten deshalb nicht in die Dunkelheit geraten und haben notgedrungen beschlossen zu bleiben. 

Die Princhester Hut ist sehr nett und dafür, dass man sie über eine Schotterstraße auch mit dem Auto erreichen kann, in sehr gutem Zustand, also sind wir nicht ungern geblieben, auch wenn uns das im Prinzip wieder einen ganzen Tag gekostet hat. Es schien, als wollte der Trail uns noch nicht so schnell hergeben und wir haben beschlossen, uns nicht zu stressen und lieber noch die letzten Hüttenübernachtungen zu genießen. Die beiden Franzosen wollten noch nach Te Anau und wir dachten schon ganz optimistisch, wir hätten die Hütte für uns, da kam auf einmal ein Auto an. Es war Freitagabend und ein paar Leute aus der Gegend wollten die Hütte zum Biertrinken und Feiern nutzen. Wir haben gesagt, wir machen gerne Platz, müssen aber leider den Wecker auf sechs Uhr stellen, da wir einen weiten Weg vor uns hätten. Ganz überraschend haben sie sich daraufhin entschieden, lieber vor der Hütte ihre Zelte aufzubauen. Es wurde zwar recht lebhaft draußen, aber mit Ohropax konnten wir trotzdem gut schlafen. 

Lower Princhester Hut bis Aparima Hut, 17 km

Am nächsten Morgen sind wir tatsächlich sehr früh los, weil wir ein bisschen darauf spekuliert haben, es vielleicht bis zur übernächsten Hütte zu schaffen. Im Takitimu Forest kann man zwischendurch nur schlecht zelten, sodass sich die Etappen nicht flexibel gestalten lassen. 

Zur Aparima Hut ging es zunächst über Wurzeln und durch Farne bergauf und dann im Buchenwald immer wieder auf und ab. Zwischendurch wandert man über offene, mit Tussock bewachsene Flächen, auf denen man aufpassen muss, nicht in versteckte Löcher zu treten. Ich habe es geschafft, mit einem Fuß in einem Matschloch zu versinken. Zum Glück war der nächste Bach für die Schuhreinigung nicht weit. 

Um drei Uhr waren wir schließlich bei der Hütte und wollten nach knapp acht Stunden Gehzeit keine weiteren sechs mehr auf uns nehmen. Es war sehr heiß, weit über 30 Grad, und wir schon etwas müde. Wir haben also den Nachmittag genutzt, um den weiteren Weg zu planen, Tipps für die nach Norden gehenden Te Araroa-Wanderer aufzuschreiben und uns für den nächsten Tag auszuruhen, für den wir zehn Stunden Gehzeit angepeilt hatten.

Lui, gut markiert
Lui, gut markiert
Tussock und dazwischen Löcher
Tussock und dazwischen Löcher
Matschiges Missgeschick
Matschiges Missgeschick
Schuhreinigung im Bach
Schuhreinigung im Bach

Aparima Hut bis Telford Campsite, 23 km

In der Aparima Hut haben wir hervorragend geschlafen und uns daher erst um acht Uhr aus den Schlafsäcken gerollt. Die ersten 14 Kilometern bis zur Lower Wairaki Hut führte der Weg glücklicherweise noch einmal durch den schattigen Wald, da die Sonne wieder gebrannt hat. Es ging wieder ordentlich auf und ab, was in den Trail Notes euphemistisch mit "the trail rolls over foothills" beschrieben war. "Rolling" stelle ich mir weniger schweißtreibend vor! Diesmal stimmte wenigstens die Gehzeit: Bis zur Hütte haben wir tatsächlich knapp die angekündigten sechs Stunden gebraucht. Das Schild davor hielt allerdings die nächste wunderbare Überraschung bereit: Statt wie in den Trail Notes vier, sollten es jetzt auf einmal sechs Stunden bis zur Telford Campsite sein, die wir noch erreichen wollten. Zwischen uns und dem Camp lagen auch noch die Telford Tops, die wir noch erklimmen mussten. 

Schnell haben wir uns also je drei Wraps einverleibt, uns auf eine späte Ankunft eingestellt und uns sofort wieder auf die Socken gemacht.

Blick zurück auf die Aparima Hut
Blick zurück auf die Aparima Hut

Lui hat schon befürchtet, dass uns diesmal der Mount Mutantus, der uns seiner Meinung nach über die ganze Südinsel verfolgt und immer neue Formen und Größen annehmen kann, noch einiges abverlangt. 

Im Endeffekt waren wir aber im Nullkommanix auf dem Gipfel, von dem aus wir zum ersten Mal seit zwei Monaten das Meer gesehen haben, und sind dann flink hinunter zum Zeltplatz, wo wir uns noch in der warmen Abendsonne in einem Bach waschen konnten. Der Zeltplatz besteht nur aus einer Wiese mit einem einsamen Klohäuschen und wir waren die einzigen Bewohner.

Das Meer, das Meer!
Das Meer, das Meer!
Abstieg von den Telford Tops
Abstieg von den Telford Tops
Abendlager
Abendlager

Tag 60: Telford Campsite bis Struan Flat Road, 19 km

Am nächsten Morgen wurden wir früh vom Wind geweckt, der an unserem Zelt gerüttelt hat. So konnten wir aber dem wunderschönen Sonnenaufgang zuschauen. 

Nach dem Zeltplatz geht es über Privatland, das zu einer Farm gehört, auf einer Schotterstraße zwischen Schafweiden dahin. Nach etwa einer Stunde haben wir ein französisches Pärchen getroffen, das uns stolz erzählt hat, dass sie in einer privaten Hütte mit Betten, Dusche und Küche übernachtet haben. In der Wegbeschreibung steht explizit, dass man auf dem Farmland nicht übernachten darf und dass die Besitzer Wanderern den Zutritt bisher sowieso nur auf Probe erlauben. Wir konnten die Begeisterung der beiden also nicht teilen und haben uns wirklich gefragt, wie man so dreist sein kann, einfach in ein offensichtlich privates Haus zu gehen und dort alles zu benutzen. Die Tür war nicht zugesperrt, aber das heißt ja noch nicht, dass jeder Hinz und Kunz es sich dort bequem machen soll. Eine Stunde bis zum Zeltplatz wäre wohl am Abend vorher noch drin gewesen. Auf unserem weiteren Weg haben wir immer wieder Farmarbeiter getroffen. Die beiden hätten also leicht erwischt werden und damit potentiell dafür sorgen können, dass der Weg in Zukunft gesperrt und der Te Araroa unterbrochen wird.

Morgenlicht über den Telford Tops
Morgenlicht über den Telford Tops

Bevor wir an der Straße herausgekommen sind, mussten wir uns noch durch manns- bzw. fraushohe Disteln schlagen und über ein paar Elektrozäune klettern, wobei der Lui sich einen sauberen Stromschlag eingefangen hat. Auch was den Strom bei Weidezäunen angeht, sind die Neuseeländer offensichtlich weniger zimperlich als wir. Vielleicht erklärt das das ein oder andere tote Schaf am Wegesrand ... missglückte Ausbruchsversuche?

Wir hatten schon aus Te Anau die Familie McKitterick aus Ohai angerufen, die mehr oder weniger inoffiziell eine Unterkunft für Te Araroa-Wanderer betreibt. Ihr 18-jähriger Sohn Fraser hat uns abgeholt und die sieben Kilometer vom Trail nach Ohai gebracht. Die Familie hat früher ein Pub betrieben, das sich nicht mehr gelohnt hat, nachdem der Kohletagebau dort aufgegeben wurde. Jetzt haben sie viel Platz und bieten Wanderern ein nettes Zimmer sowie Dusche und Küchenmitbenutzung zu günstigen Preisen an. Fraser hat uns dann noch zum Einkaufen in den nächsten Ort mit dem lustigen Namen Nightcaps gefahren. Der Laden in Ohai hat schon lange geschlossen und auch sonst macht Ohai einen etwas trostlosen Eindruck: Die Farbe an den Häusern blättert ab und viele sehen verlassen aus. Aus der Kohlegrube soll wohl ein See werden, in dem man angeln und baden kann. Vielleicht geht es ja dann mit der Gegend wieder bergauf. Wir würden es den Leuten gönnen, die zu uns wirklich nett waren.

Tag 61: Merrivale Road bis Martin's Hut, 25 km

Dem aufmerksamen Leser fällt es vielleicht auf: Wir sind nicht an der Straße wieder eingestiegen, an der wir den Trail am Tag zuvor verlassen haben. Da wir durch das Hochwasser im Greenstone Valley und das verspätete Loskommen aus Te Anau zu viel Zeit verloren hatten, mussten wir irgendwie einen Tag wieder gutmachen. Wir haben deshalb beschlossen, 28 Kilometer über Farmland zu überspringen. Schotterstraßen und Feldwege mit Schafen links und Kühen rechts kennen wir ja schon und es verleiht uns auch keiner ein Fleißbildchen, wenn wir jeden Meter davon ablatschen. Die Kilometer kommen natürlich aufs Nachholkonto, das in den nächsten zwei Wochen auf der Nordinsel "abgearbeitet" wird.

Fraser hat uns also auf einer Forststraße kurz vor dem Longwood Forest abgesetzt und wir sind durch Nieselregen losgestapft. Der Weg im Wald führt durch alte, knorrige Buchen, die mit Moos bewachsen sind, und hat uns sehr gut gefallen. Es ging stetig leicht bergauf und auf den abgerundeten Gipfeln immer wieder aus dem Wald hinaus und über freie Flächen. Von dort aus sollte man eigentlich wunderbare Panoramablicke haben und Bluff, unser Ziel, zum ersten Mal sehen. Die Wolken hingen aber so tief, dass dort oben die Markierungsstäbe kaum zu erkennen waren und wir einmal sogar etwa eine Viertelstunde vom Weg abgekommen sind. Dank GPS und Backcountry Navigator-App haben wir ihn aber zum Glück schnell wieder gefunden. 

Märchenwald
Märchenwald
Im Longwood Forest
Im Longwood Forest

Zurück im Busch mussten wir nur noch zur Martin's Hut absteigen. Unsere letzte Hütte auf dem Trail! Was für ein willkommener Anblick bei diesem nassen Wetter! Die Hütte ist alt, wurde innen aber ein bisschen aufgemöbelt und Lui hat gleich ein Feuer im offenen Kamin angezündet, vor dem wir es uns gemütlich gemacht haben. Es war schon ein komisches Gefühl zu wissen, dass unser großes Abenteuer in drei Tagen schon zu Ende sein würde. Wir hatten beide gemischte Gefühle: Einerseits waren wir froh, es unbeschadet so weit geschafft zu haben, und die müden Knochen fordern auch eine Pause. Andererseits sind die zwei Wandermonate, in denen die einzige Sorge war, ob man genug zu Essen eingepackt hat, auch viel schneller vergangen als erwartet. Gerade die Hütten haben wir richtig liebgewonnen, weil sie einem das Tramperleben hier so erleichtern, auch wenn wir die Liebe der Neuseeländer zu Wellblech nie ganz verstehen werden.

Wir haben noch ein letztes Mal das Hüttenbuch studiert, so wie wir es immer gemacht haben. Von denjenigen, die wir unterwegs "verfolgt" haben, waren nicht mehr viele übrig - in den zwei Wochen vor uns noch ein Paar aus den USA (Thor und Fern), eines aus Frankreich (Loïc und Sandy) und ein junger Mann aus Deutschland (Daniel). Alle anderen, die wir im Auge behalten haben, sind uns früher oder später abhanden gekommen. Im Nachhinein sind wir sehr froh, dass wir den Weg meist ganz für uns hatten. Er wird jedes Jahr beliebter und wer weiß, wie lange das so noch möglich wäre. 

Wo geht's hier wohl weiter?
Wo geht's hier wohl weiter?
Die Martin's Hut - unsere letzte Hütte auf dem Te Araroa
Die Martin's Hut - unsere letzte Hütte auf dem Te Araroa
Hüttenbuch am Feuer
Hüttenbuch am Feuer

Tag 62: Martin's Hut bis Riverton, 29 km

Am nächsten Morgen haben wir uns früh auf den Weg nach Riverton gemacht. Es war immer noch alles nass und der Weg durch den Wald extrem matschig. Nach einer Weile sind wir an einer Abzweigung falsch abgebogen, weil nichts markiert war und wir die Wegbeschreibung falsch interpretiert haben. So haben wir eine Extrarunde von vier Kilometern gedreht. Wieder auf dem richtigen Weg, sind wir prompt an der nächsten Abzweigung vorbeigeschossen, die uns an eine alte Wasserleitung hätte führen sollen. Da das sowieso ein wildes Geschlängel durch tiefen Matsch geworden wäre, haben wir beschlossen, uns einfach unseren eigenen Weg nach Riverton zu suchen. Dazu mussten wir teilweise über Landstraßen und zum Schluss noch an einer Teerstraße entlang, aber wenigstens haben wir uns nicht mehr verlaufen und haben zwischendurch noch einen Schaffarmer und seine Hunde bei der Arbeit beobachten können. Einer der Hunde hatte nur noch ein Hinterbein, war aber trotzdem noch voll dabei. Der Farmer hat uns erzählt, dass er noch alles kann, außer alleine auf den Pickup aufspringen. Er hat nur mehr Hunger als vorher, weil ihn alles mehr Kraft kostet.

Weideland vor Riverton
Weideland vor Riverton

In Riverton haben wir im Globe Backpackers übernachtet, einem alten Hotel, das wir ganz für uns alleine hatten. Lui war vor allem von der Küche angetan, da er endlich mal eine richtige Profiausstattung zum Kochen hatte. Sonst ist in Riverton nicht viel geboten, aber wir haben gut geschlafen und uns für den vorletzten Tag auf dem Trail gut erholt.

Tag 63: Riverton bis Invercargill, 34 km

An diesem Tag mussten wir 22 Kilometer auf dem Strand zwischen Riverton und Invercargill wandern. Lui hatte am Abend vorher noch nachgeschaut, wann wir losgehen müssten, um möglichst bei Ebbe an einem Flüsschen zu sein, das etwa bei der Mitte ins Meer fließt und das bei Flut schwierig zu überqueren sein kann. Ein paar NOBOs (Northbounder, nach Norden gehende Wanderer) hatten uns erzählt, dass sie dabei bis zur Brust im Wasser standen.

Über den Strand gibt es nicht viel zu berichten. Er war glücklicherweise flach und fest, sodass man gut vorankam. Links waren Dünen, rechts lag das Meer und in der Mitte viel Sand. Die einzigen Sehenswürdigkeiten waren lustige Meeresvögel und ein paar verrostete Autowracks. Je näher wir Invercargill kamen, desto mehr Autos waren auf dem Strand unterwegs. Die Leute fahren hier tatsächlich einfach mit ihren Autos oder mit Quads auf dem Strand spazieren. Einige davon haben uns angeschaut, als wären WIR merkwürdig, weil wir zu Fuss dort unterwegs waren.

Am Schluss ging es noch einmal zehn Kilometer auf einem geteerten Fahrradweg entlang, sodass die Füße doch ziemlich platt waren, als wir in Invercargill ankamen. Wir haben uns im Southern Comfort Backpacker eingemietet und sind noch zum drei Kilometer entfernten Supermarkt und später zu einem Burgerladen gelaufen, sodass wir am Schluss insgesamt sicher deutlich über 40 Kilometer auf dem Tageszähler hatten.

Heute geht es auf die Schlussetappe nach Bluff. Eigentlich soll man über 20 Kilometer am State Highway entlang laufen und dabei eine Warnweste tragen, um nicht überrollt zu werden - nein danke! Wir machen nur das letzte Stück am Meer entlang bis zum südlichsten Punkt der Südinsel, wo wir unseren Erfolg feiern werden. Der Bericht dazu folgt ...

Der Strand als Straße
Der Strand als Straße