Tag 21 - 25: Harper Pass Track und Arthur's Pass (92 km)

Eigentlich wollten wir ja nicht so schnell wieder ruhen, aber nachdem unsere beiden letzten Wandertage die vielleicht nassesten unseres Lebens waren und wir am kleinen Örtchen Arthur's Pass vorbeikamen, konnten wir nicht widerstehen. Außerdem mussten wir wegen der starken Regenfälle der letzten Tage eine aktuelle Wetter- und Wasserstandsvorhersage einholen und unsere weitere Planung überdenken. Bei der Gelegenheit haben wir uns natürlich gleich noch die Bäuche vollgeschlagen.

Tag 21: Boyle Village bis Hope Kiwi Lodge, 25 km

Über Nacht und früh hat es stark geregnet, deshalb haben wir für die ersten paar Kilometer unseres 21. Gehtages die offizielle Umgehung an einer Straße entlang gewählt,  auf der wir zwei potenziell kritische Flussüberquerungen vermeiden konnten. Kurz bevor wir die Straße verlassen und wieder auf den eigentlichen Track zurückkehren konnten, hat es noch einmal richtig angefangen zu schütten. In einem kleinen Unterstand haben wir am Weganfang Ron (64) aus Kanada getroffen. Er erzählte uns, dass er 2013 sein Haus in British Columbia verkauft hat und seitdem mit seinem Kanu oder dem Fahrrad unterwegs. Er hat vor, den Te Araroa in Richtung Norden zu gehen und war gerade dabei, mit dem Fahrrad seine Vorratspakete an verschiedenen Stellen entlang des Trails zu verteilen. Unter anderem hatte er eine extraleichte Carbon-Gitarre dabei, die uns aber immer noch zu schwer zum Tragen wäre. Allerdings wird er seine Hüttenmitbewohner mit Country-Musik erfreuen können. Ron hatte auf jeden Fall interessante Geschichten zu erzählen und wir freuen uns schon, ihn wieder zu treffen, da er uns ja entgegengehen wird. 

Die Hütte haben wir uns abends mit einer Gruppe junger Männer geteilt, die irgendwie wie ein Matheclub auf uns wirkten. Zum Glück gab es zwei getrennte Schlafräume, da wir einen sogar durch die Wand haben schnarchen hören. 

Weggefährte
Weggefährte

Tag 22: Hope Kiwi Lodge bis Hurunui No. 3 Hut, 29 km

Ausnahmsweise war der Weg an diesem Tag mal hauptsächlich flach und einfach zu gehen. Es ging über Weideland am Hope River entlang und gelegentlich durch den Wald. Wirklich lange Pausen konnten wir nicht einlegen, da die Sandflies übel unterwegs waren.

Am Nachmittag mussten wir sie jedoch ignorieren, um eines der Te Araroa-Highlights genießen zu können: einen natürlichen Hot Pool, der sich aus einer heißen Quelle speist.

Zuvor hatten wir im Tal schon von weitem zwei junge Cowboys zu Pferd mit Hunden beobachtet, die dabei waren, die Rinder zu treiben. Kurz bevor wir zum Hot Pool hochgeklettert sind, kamen sie vorbei und haben gefragt, ob wir baden gehen. Dann sind sie im Tal davongeritten und wir sind ins heiße Bad gehüpft. Wunderbar! Als wir uns wieder angezogen hatten und gerade um die Ecke gebogen waren, kam uns auf einmal einer der beiden Jungs mit unserer Kamera hinterhergelaufen. Wir hatten sie auf der Flucht vor den Sandflies einfach liegen lassen. Wir waren natürlich sehr dankbar, haben uns aber auch gefragt, wo die beiden so plötzlich wieder herkamen...

Endlich mal wieder 'ne Brücke!
Endlich mal wieder 'ne Brücke!
Heisses Bad im Wald
Heisses Bad im Wald

Die letzten 100 Meter bis zur No. 3 Hut mussten wir sprinten, um gerade noch einem richtigen Starkregenschauer zu entgehen. Im ersten Moment dachten wir schon, die Hütte wäre voll besetzt, da eine große Gruppe schon ihre Sachen ausgebreitet hatte, aber glücklicherweise war noch ein Plätzchen für uns frei.

Tag 23: Hurunui No. 3 Hut bis Locke Stream Hut, 15 km

Am Vorabend hatten unsere Mitbewohner sich noch den Wetterbericht über das hütteneigene Funkgerät durchgeben lassen. Es hatte die ganze Nacht immer wieder stark geregnet und sollte auch so weitergehen. Eigentlich soll man den Harper Pass Track normalerweise von der anderen Seite aus gehen, da die beiden von uns aus gesehen letzten Etappen nach starken Regenfällen unpassierbar sein können, wenn die Flüsse ansteigen. Auf dem Te Araroa sind sie aber aus dieser Richtung geplant, sodass wir uns darauf einstellen mussten, eventuell in der Hütte abzuwarten, bis die Pegel wieder sinken. Einer der Männer aus der Gruppe kannte sich gut aus und meinte, wir könnten es an diesem Tag auf jeden Fall ohne Probleme bis zur nächsten Hütte schaffen. Außerdem hat er uns noch ein paar Tipps zur richtigen Flussüberquerungstechnik mit auf den Weg gegeben. Wir sollen nebeneinander gehen und den einen Arm jeweils zwischen dem Rücken und dem Rucksack des anderen durchstecken und den Hüftgurt packen. Außerdem soll Lui auf der der Strömung zugewandten Seite gehen, um sie für mich etwas zu brechen, weil er größer und schwerer ist. Dann soll noch der Brustriemen am Rucksack offen sein, damit man ihn bei Bedarf schnell abwerfen kann. 

Zuerst mussten wir aber zum Harper Pass aufsteigen, der mit knapp 1.000 Metern nicht besonders hoch ist. Auf der ersten Weghälfte sind wir sogar wider Erwarten (bis auf die Füße natürlich) noch weitgehend trocken geblieben und mussten nur Bäche überwinden, die allerdings auch schon ordentlich Wasser hatten. Am Harper Pass ist der Busch noch sehr schön und ursprünglich und wir konnten seltene Blumen bestaunen. Auch der Great Spotted Kiwi kommt in dieser Gegend häufiger vor. Da er jedoch nachtaktiv ist und wir eher tagaktiv, sind wir uns leider nicht begegnet. 

Der Abstieg auf der anderen Seite war sehr steil und dort war der Regen noch deutlich stärker und anhaltender. Um Erdrutsche zu umgehen, mussten wir zweimal den Taramakau River überqueren, der uns am nächsten Tag noch viel Freude bereiten sollte. Das war für mich wirklich nur mit oben beschriebener Technik und Luis Unterstützung möglich. Selbst die größeren Bäche, die von der Seite zuströmen, waren zum Teil ernstzunehmende Hindernisse. Im Team haben wir aber alles gut gemeistert, auch wenn das sicher weniger mein Verdienst war.

Aus dem Fenster der Locke Stream Hut, in der wir nachmittags angekommen sind, konnte man gut den Taramakau beobachten. Nachdem wir dort waren, wurde der Regen noch einmal richtig intensiv, sodass wir uns beim Schlafengehen schon darauf eingestellt haben, den nächsten Tag in der Hütte zu verbringen. Genug Essen hatten wir zum Glück dabei. Feuerholz war aber leider nicht da, was in unserem sehr nassen Zustand natürlich schön gewesen wäre. Die Hütte war trotzdem schön und hatte richtig historischen Flair, da die alten Bodenbretter und Balken noch von Hand gehauen waren. Natürlich waren wir mal wieder unter uns - bei dem Wetter sowieso. 

Oben am Harper Pass
Oben am Harper Pass
Endlich in der Locke Stream Hut ...
Endlich in der Locke Stream Hut ...
... bevor es so richtig losging.
... bevor es so richtig losging.
Fast alle Türchen geöffnet
Fast alle Türchen geöffnet
Neue Errungenschaft zur Wasseraufbereitung - der SteriPen im Einsatz
Neue Errungenschaft zur Wasseraufbereitung - der SteriPen im Einsatz

Tag 24: Locke Stream Hut bis Morrison Footbridge, 23 km

Am nächsten Morgen hatte sich das Wetter beruhigt und der Fluss sah schon etwas besser, also weniger wild, wenn auch nicht gerade niedriger aus. Da wir schon mehrfach gehört hatten, dass die Pegel zwar schnell steigen, aber auch schnell wieder sinken, haben wir beschlossen, noch ein paar Stunden abzuwarten und erst gegen Mittag einen Versuch zu wagen. Den Vormittag haben wir uns mit Lesen, Putzen der Hütte und Feuerholzsammeln für die nächsten Wanderer vertrieben. 

Gegen 11:30 Uhr sind wir dann aufgebrochen, aber als wir nach einer Viertelstunde an der Stelle standen, an der die erste Überquerung markiert ist, war schon klar, dass der Taramakau sich an diesem Tag nicht von uns überqueren lassen würde. Nach eingehender Betrachtung unserer Karte haben wir entschieden, weiterzugehen und zu versuchen, auf der linken Seite des Flusses zu bleiben. Der Taramakau schlängelt sich durch ein immer breiter werdendes Tal, füllt dabei sein Flussbett höchstens im Frühjahr ganz aus und teilt sich häufig in mehrere Arme auf.

Unser Plan ist letztendlich auch aufgegangen, auch wenn es viel Kraft und Zeit gekostet hat. Wir mussten uns, da wir ja am "falschen" Flussufer waren, durch dichten Busch schlagen, an Hängen entlangklettern und kurze Stücke auch im Fluss gehen, allerdings nur am Rand bei schwächerer Strömung. Dazu haben wir uns aneinander festgebunden, Lui ist vorausgegangen und sobald er fest stand, habe ich mich im hüfthohen Wasser an der Felswand entlang hinterhergetastet. Das hat sehr gut funktioniert und wir waren froh, dass keine zu tiefen Stellen dabei waren, da wir sonst umkehren und zur Hütte zurück gehen hätten müssen. Man muss wirklich sagen, die Neuseeländer haben recht, wenn sie immer wieder betonen, dass ihre Natur besonders wild ist. Wir sind fest entschlossen, das zu respektieren und kein Risiko einzugehen. 

Lieber nicht ... danach wurde es zu nass zum Fotografieren.
Lieber nicht ... danach wurde es zu nass zum Fotografieren.

Am schwierigsten war die Überquerung des Otehake River, der leider auch eine meiner Gamaschen davongespült hat.

Kurz bevor wir den Talausgang erreicht haben, hat sich uns noch eine Rinderherde in den Weg gestellt, die auf einmal angefangen hat zu galoppieren. Wir haben uns flugs ins Gestrüpp geschlagen und sind lieber ein Stück in einem Bachbett gegangen, statt ihnen zu nahe zu kommen. 

Als wir dann dachten, wir hätten es geschafft und die Zivilisation wieder erreicht, weil wir schon die ersten Häuser und die Straße nach Arthur's Pass sehen konnten, stellte sich heraus, dass wir noch mal zwei Stunden auf einem ziemlich schlechten Weg entlang des Otiha River bis zu einer Fußgängerbrücke gehen mussten. Das hieß noch mal über umgefallene Bäume balancieren, steil auf und ab klettern und auf nassen Wurzeln ausrutschen - kein Spaß, vor allem, weil es langsam dunkel wurde. Manchmal sind wir uns nicht sicher, ob das noch die Beta-Version des Trails ist oder ob die Neuseeländer einfach schmerzfreier sind als wir.

Im Endeffekt haben wir es in der Dämmerung zur Brücke und damit an die Straße geschafft und mussten nur noch jemanden dazu bringen, anzuhalten und uns nach Arthur's Pass mitzunehmen. Da in diese Richtung aber kaum noch Autos unterwegs waren, habe ich auch bei denen, die in die andere Richtung fuhren, wild gewunken. Glücklicherweise haben zwei junge Männer angehalten und waren so nett, umzudrehen und uns in den nächsten Ort Richtung Arthur's Pass, Otira, zu bringen. Dort gibt es drei Häuser und ein Hotel mit Bar, in der ein Country-Musikfest in vollem Gange war. Vor der Tür haben wir gleich noch die Besitzerin der Backpacker-Unterkunft im Ort getroffen, die uns zwei Betten angeboten hat. So waren wir innerhalb kürzester Zeit geduscht, trockengelegt und hatten ein großes Bier in der Hand. Hurra! Da war es auch egal, dass die Dorfbewohner auf dem Fest alle schon sturzbetrunken waren.

Tag 25: Pausentag in Arthur's Pass, 0 km

Heute Morgen hat uns die freundliche japanische Zimmergenossin von letzter Nacht die letzten Kilometer mit nach Arthur's Pass genommen, wo unser nächstes Versorgungspaket auf uns gewartet hat. Es gibt hier zwar einen kleinen Laden, aber die Auswahl ist begrenzt und alles ist furchtbar teuer. 

Wir haben Wäsche gewaschen und uns eine Riesenportion Fish and Chips einverleibt. Außerdem waren wir beim DOC-Informationszentrum und haben uns über die nächsten Etappen informiert. Unser nächstes Zwischenziel ist Lake Coleridge, die dortige Lodge hat aber leider über Weihnachten geschlossen. Wir gehen trotzdem weiter und werden versuchen, von dort aus nach Methven zu trampen. Von dort aus melden wir uns wieder.

Wir haben entschieden, ein Teilstück von 28 km, den Mingha-Deception Track, vorerst nicht zu gehen, weil nicht sicher ist, ob die Flüsse weit genug gesunken sind und wir um Lake Coleridge eventuell 60 km zusätzlich einplanen müssen, um den Rakaia River zu umgehen. Aber dazu beim nächsten Mal mehr. 

Frohe Weihnachten an alle! Wir werden voraussichtlich in einer Hütte oder im Zelt feiern.

Lui in Otira
Lui in Otira
Unsere Unterkunft heute in Arthur's Pass
Unsere Unterkunft heute in Arthur's Pass