Tag 14 - 20: Nelson, Waiau Pass Track und Hanmer Springs (116 km)

Nach weiteren fünf anstrengenden Wandertagen sind wir gestern Nachmittag wohlbehalten in Boyle Village eingetroffen. Das "Dorf" besteht allerdings nur aus ein paar privaten Ferienhäusern und einem Outdoor Education Centre, in dem wir eine Hütte für zwei Nächte gemietet haben, erfreulicherweise mit eigener Küche, Dusche und Waschmaschine und das zu einem sehr günstigen Preis. Außerdem konnten wir vorher per E-Mail Lebensmittel bestellen, da es in Boyle Village keinen Laden gibt, sodass wir uns gestern Abend gleich noch etwas kochen konnten und endlich wieder ein paar frische Lebensmittel hatten (Käse, Milch, Eier und Avocados - hurra!). 

Eigentlich wollten wir hier keinen Pausentag einlegen, aber nachdem es die letzten fünf Etappen noch mal richtig in sich hatten - einige behaupten sogar, es seien die schwersten des ganzen Trails, obwohl wir ja der Meinung waren, die hätten wir in den Richmond Ranges schon hinter uns gebracht - haben wir uns kurzerhand entschlossen, einen Abstecher ins 50 km entfernte Hanmer Springs zu machen, wo es ein Thermalbad gibt - genau das Richtige für unsere geschundenen Knochen. Aber der Reihe nach:

Tag 14: Einkaufstag in Nelson, 0 km

Unser Tag in Nelson war sehr erfolgreich. Marilyn von unserer Backpacker-Unterkunft konnte zwar leider doch nur mich mitnehmen, weil ihr aufgefallen ist, dass sie in ihrem geliehenen Auto nur einen Beifahrersitz hat, für Lui konnten wir aber kurzfristig noch eine andere Mitfahrgelegenheit auftreiben, sodass wir uns dort wieder treffen konnten.

In Nelson gibt es jede Menge Outdoor-Läden und wir haben uns in verschiedenen nach neuen Stiefeln für mich umgeschaut. Allerdings sind gute Wanderschuhe in Neuseeland leider relativ teuer. Der Verkäufer in einem Laden hat uns dann aber netterweise den Tipp gegeben, dass es gleich um die Ecke einen Schuhmacher gibt. Dort haben wir vorbeigeschaut und er konnte mir für 10 Dollar die Nähte an meinen Stiefeln verstärken. Da wir so einiges an Geld gespart hatten, konnten wir uns einen neuen Rucksack für Lui leisten, da er mit seinem geerbten leider nicht besonders gut zurecht kam (@Ferdi: Wir haben den alten einem guten Zweck zugeführt). Außerdem haben wir uns Gamaschen besorgt, da unsere Beine nach den Richmond Ranges völlig zerkratzt waren und wir auch nicht sofort als ahnungslose Touris identifiziert werden wollen (fast alle Neuseeländer wandern mit Gamaschen).

Als wir gerade beim Subway ein großes Sandwich verspeist haben (ich in Socken, da meine Schuhe noch beim Schuhmacher waren), kam eine SMS von Kay und Bianca, die uns am Abend vorher schon mitgenommen hatten. Sie waren zufällig auch in Nelson, weil in den Bergen das Wetter zu schlecht zum Wandern war, und haben angefragt, ob wir eine Mitfahrgelegenheit zurück nach St. Arnaud brauchen. Perfekt! Wir haben dann noch zusammen ein Bier in Mac's Brewbar getrunken, ein bisschen in der Sonne gesessen und sind dann mit Einkäufen für's Abendessen (Riesensteaks und Gemüse) nach St. Arnaud zurückgefahren.

Tag 15: St. Arnaud bis John Tait Hut, 23,5 km

An diesem Freitag sind wir spät gestartet, um noch mal ordentlich zu frühstücken und auf Bianca und Kay zu warten. Die beiden hatten auch eine 3-Tages-Tour geplant und wir wollten den Abschnitt bis zur ersten Hütte noch zusammen gehen. Am Vormittag ging es am Lake Rotoiti entlang, in dem riesige Aale leben. An der Lakehead Hut waren Bianca und Kay dann schon an ihrem Tagesziel angekommen und Lui und ich haben noch mit ihnen Mittagspause gemacht. Kay hatte sogar zwei Bier mitgetragen, um die bierlose Phase etwas zu verkürzen.

Lui am Lake Rotoiti
Lui am Lake Rotoiti
Nach der Mittagspause an der Lakehead Hut
Nach der Mittagspause an der Lakehead Hut

Nach der Mittagspause ging es für uns noch weiter bis zur John Tait Hut, ausnahmsweise in relativ flachem Gelände. Abends haben wir uns auf eine Katzenwäsche im Fluss beschränkt, da das Schmelzwasser eiskalt war. Dafür war die Hütte wunderbar ausgestattet, sogar mit einem Waschbecken mit fließendem kaltem Wasser, und wir hatten sie mal wieder ganz für uns. Wir waren froh, wieder unterwegs zu sein.

Tag 16: John Tait Hut bis Blue Lake Hut, 23 km

Dieser Samstag war ein laaanger Tag mit ungefähr 12 Stunden Gehzeit. Wir hatten den Travers Saddle zu überwinden, über den wir schon wilde Geschichten gehört hatten. Vor einigen Monaten ist dort leider ein Te Araroa-Wanderer aus Deutschland verunglückt. Es wurde nur sein Rucksack gefunden. Die Bergrettung geht allerdings davon aus, dass er ihn abgelegt hat und auf einen Felsvorsprung geklettert ist, um bessere Fotos zu machen, und von dort abgestürzt sein muss. Wir waren fest entschlossen, den Weg nicht zu verlassen und wurden vor dem Aufstieg auf den Sattel noch durch ein ominös klingendes Schild bestärkt ("Are you prepared for Travers Saddle?"). Im Endeffekt war der Übergang aber völlig harmlos, nur der Abstieg durch ein riesiges Geröllfeld ging ziemlich auf die Knie. 
Eigentlich wollten wir in der West Sabine Hut bleiben, da dort aber schon einiges los war und am nächsten Tag die schwierigste Etappe des Waiau Pass Track auf dem Programm stand - der Waiau Pass höchstselbst - haben wir uns dort angekommen motiviert, noch drei Stunden bis zur Blue Lake Hut weiterzugehen. Das Stück bis dorthin hat sich dann allerdings ordentlich gezogen, vor allem, weil wir noch ein wenig vertrauenserweckend aussehendes Schneebrett in einer tiefen Senke zu umklettern hatten, und wir kamen erst bei Einbruch der Dunkelheit ziemlich müde und etwas nass an der Hütte an. Dort war nur ein junger Mann, der zum Glück schon Feuer gemacht hatte.
Beim Aufstieg zum Travers Saddle
Beim Aufstieg zum Travers Saddle
Und auf der anderen Seite wieder hinunter ...
Und auf der anderen Seite wieder hinunter ...

Auf der Wanderkarte in der Hütte fiel uns auf, dass jemand sehr Kreatives die Berge in dieser Gegend benannt haben muss: Wenig einladend fanden wir den Mount Hopeless und den Mount Misery (geht da jemals jemand rauf?). Ansprechender waren da schon The Camel und Mount Princess. 

Tag 17: Blue Lake Hut bis Caroline Bivvy, 13 km

Morgens beim Aufstehen war es bitterkalt in der Hütte. Es sollte aber ein wunderschöner Tag werden - zum Glück, da man den Waiau Pass nur bei gutem Wetter angehen soll, und das mit Recht, wie wir im Nachhinein finden. 

Ein bisschen mulmig war uns schon zumute, da der freundliche Verkäufer im Outdoor-Laden in Nelson, der auch bei der Bergwacht arbeitet, uns erzählt hat, dass dort die meisten Einsätze nötig sind.

Zuerst ging es am kleinen, aber extrem klaren Blue Lake vorbei. Beim ersten Anstieg kam dann auch die Sonne über den Berg und wir sind wieder aufgetaut. Dann mussten wir ein erstes Geröllfeld erklimmen und hoch über dem Lake Constance schon einige halsbrecherische Abstiege in steilem Gelände bezwingen. Dafür wurden wir aber mit dem bisher schönsten Mittagspausenplatz am anderen Ende des Sees auf einem liegestuhlförmigen Felsen gegenüber von einem Wasserfall ausreichend entschädigt. Es gab, wie so oft, Wraps mit Erdnussbutter und Nutella sowie Trockenfleisch - der Ofen muss befeuert werden. Etwas schweren Herzens haben wir diesen idyllischen Platz wieder verlassen, da wir ja wussten, dass jetzt der Pass bevorstand. 

Blick zurück auf den Blue Lake, der noch im Schatten liegt
Blick zurück auf den Blue Lake, der noch im Schatten liegt
Oberhalb des Lake Constance
Oberhalb des Lake Constance
Blick zurück über dem Lake Constance
Blick zurück über dem Lake Constance
Mittagspause mit Aussicht
Mittagspause mit Aussicht
Wie kommt man hier wohl wieder raus? Antwort: durch den Schotter links nach oben.
Wie kommt man hier wohl wieder raus? Antwort: durch den Schotter links nach oben.

Machen wir's kurz: Es war sausteil! Ich hatte am steilsten Stück im Schotterfeld ordentlich Muffensausen, weil ich das Gefühl hatte, beim nächsten Windstoß würde ich einfach wieder runterkullern - zum Glück war es windstill. Ich mag sehr steile Berge auch einfach nicht wirklich. Keine Ahnung, warum ich ständig auf welche hochsteige.

Dementsprechend wenig erwartungsfroh habe ich auch dem Abstieg entgegengesehen, weil das einzige, was ich weniger ansprechend finde als steile und exponierte Aufstiege, steile und exponierte Abstiege sind. Aber zwischendurch muss ich sagen, die Ausblicke oben waren wirklich der Hammer, vor allem zurück auf den Lake Constance. 

Besagter Blick zurück auf den Lake Constance - nach dem steilsten Stück
Besagter Blick zurück auf den Lake Constance - nach dem steilsten Stück
Fast oben auf dem Pass
Fast oben auf dem Pass

Wie es meistens so ist: Wenn man denkt, etwas wird ganz doof, kommt alles viel besser als zuerst geglaubt. Oben angekommen sahen wir auf der anderen Seite: Schnee! Die ersten 200 bis 300 Höhenmeter konnten wir ganz bequem auf den Fersen abfahren - ein Riesenspaß und die Knie wurden auch geschont. So war der Abstieg ein Klacks und unterwegs haben wir auch noch zwei Gämsen gesehen. Die sind hier eingeschleppt und dürfen jederzeit geschossen werden, aber wir haben uns gleich heimisch gefühlt. Außerdem sahen die Berge ein bisschen aus wie in Heiligenblut, wo wir gerne urlauben. :-)

Wer sagt, dass wir die Skisaison verpassen?
Wer sagt, dass wir die Skisaison verpassen?
Skifoan
Skifoan

Wir hatten eigentlich geplant, direkt nach dem Abstieg an einem Fluss unser Zelt aufzuschlagen, waren aber so beschwingt, dass wir beschlossen haben, gleich noch 5 km weiter zum Caroline Bivvy zu laufen (auch angezogen vom sympathischen Namen natürlich).

Leider hat das Caroline Bivvy seinem Namen nicht alle Ehre gemacht. Die Minihütte wurde 1965 erbaut und seitdem wohl nicht groß verändert. Aber geschlafen haben wir trotzdem ganz gut, vielleicht auch, weil wir wussten, dass uns ein flacher Tag bevorstand.

P.S.: 299 km geschafft!

Beim Abstieg
Beim Abstieg

Tag 18: Caroline Bivvy bis Anne Hut, 26,5 km

An diesem Tag wollte der Trail uns wohl an Zuhause erinnern. Aufgewacht sind wir im Caroline Bivvy, dann ging es vorbei an der Abzweigung zur Christopher Hut, entlang des Henry River und zu unserem Nachtquartier, der Anne Hut. Wir haben nur darauf gewartet, dass noch Mount Manfred und Mount Moni am Horizont auftauchen. 

Heiß war es an diesem Tag und die Sonne hat uns ordentlich auf die Birne gebrannt, auch wenn es eigentlich nur durch grasbewachsene Ebenen dahinging. Irgendwas ist halt immer!

Raupe im Caroline Bivvy
Raupe im Caroline Bivvy
Nicht, dass jemand den Ausgang nicht findet!
Nicht, dass jemand den Ausgang nicht findet!

Die Anne Hut ist superluxuriös: erst 2011 gebaut, mit Spülbecken und doppelt verglasten Fenstern und das Beste - wir hatten sie für uns. Wir haben noch den dritten Advent nachgefeiert, weil uns am Abend vorher in der beengten Biwakhütte nicht der Sinn danach stand.

Blick zurück - endlich wieder flaches Gelände
Blick zurück - endlich wieder flaches Gelände
Das andere Ende des Hüttenspektrums
Das andere Ende des Hüttenspektrums

Tag 19: Anne Hut bis Boyle Village, 30 km

Unser erster 30-Kilometer-Tag! In den Trail Notes stehen zwar nur 29,5 km, aber auf den Wanderschildern des St. James Walkway, auf dem wir hier unterwegs waren, sind 31 angegeben, also gehen wir von 30 aus.

Morgens war es noch angenehm kühl und wir haben ordentlich Gas gegeben. Der Weg ging leicht auf und ab über Wiesen und durch Wälder, teilweise auch durch enorme Matschlöcher. Nasse Stiefel und Füße sind hier sowieso normal. Touris, die bei Bachüberquerungen über Steine hoppeln, werden von den Neuseeländern belächelt. 

Gegen Ende waren wir aber trotz des relativ einfachen Terrains müde, wahrscheinlich wegen der Hitze und der anstrengenden letzten Etappen, und vor allem Lui hatte Probleme mit seiner Ferse. Es könnte sein, dass er nicht auf seine wohlmeinende Ehefrau gehört hat, die ihm sagte, dass Dehnübungen für die Waden wichtig seien. 

So schien uns ein Tag im Thermalbad in Hanmer Springs eine gute Idee. Wir sind schließlich auch zum Spaß hier! Außerdem war unser vorausgeschicktes Essenspaket etwas knapp bemessen. Unser Hunger hat einfach ungeahnte Ausmaße angenommen! 

Perfekte Bedingungen für unseren ersten 30-Kilometer-Tag
Perfekte Bedingungen für unseren ersten 30-Kilometer-Tag

Tag 20: Entspannungstag in Hanmer Springs, 0 km

Morgens haben wir versucht, ins 50 km entfernte Hanmer Springs zu trampen, hatten aber zunächst kein Glück. Dann kam auf dem Wanderweg neben der Straße ein Herr vorbei, der uns etwas verloren in einem Schwarm Sandflies hat stehen sehen. Er wollte eigentlich in der Gegend wandern, hat dann aber beschlossen, dass er das genauso gut in der Gegend um Hanmer Springs tun könnte, und hat uns hingefahren. Er war sehr nett und hat uns noch viele nützliche Tipps gegeben (sein Lieblingsbier, gute Angelplätze, falls wir am Ende noch Zeit haben usw.).

In Hanmer waren wir in den Hot Pools (sehr entspannend!), im Café und haben noch etwas eingekauft. Leider war nicht genug Zeit, um den Blog zu aktualisieren, deshalb kommt das Update verspätet. 

Zurück hatten wir einen Shuttlebus gebucht, allerdings erst ab einer Kreuzung etwa 10 km außerhalb von Hanmer Springs, zu der wir trampen mussten. Dabei kam es zur bisher gefährlichsten Situation unserer Reise. Ein alter Herr hat uns mitgenommen und mit so viel Begeisterung Geschichten aus seinem Leben erzählt, dass er mehrfach fast von der Straße abgekommen oder in den Gegenverkehr geraten ist. 

Wieder in unserem Cottage angekommen, gab es einen großen Nudelauflauf mit Hackfleisch und Gemüse. Ein Lob an den Koch, der mich hier auch auf dem Trail immer mit Essen in bestmöglicher Qualität versorgt! 

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Kommentare: 1
  • #1

    Nerissa Seely (Sonntag, 05 Februar 2017 06:45)


    Good post however , I was wondering if you could write a litte more on this subject? I'd be very grateful if you could elaborate a little bit further. Kudos!